Von der Natur zum Experiment Farbe

Die Malerin Dagmar Hiltenkamp

Dagmar Hiltenkamp ist Malerin. Ölfarbe und Leinwand, Ölkreide, Aquarellfarbe und Papier sind ihre Werkzeuge, mit denen sie die Welt im Bild oder vielmehr die Welt als Bild gestaltet. „Immer auf der Suche nach dem richtigen Weg“ – wie die Künstlerin von sich selbst sagt, – greift sie zu Farbpinsel oder Kreidestift, um die weiße Leinwand, das unbearbeitete Blatt Papier zu bewältigen. Dabei kann es vorkommen, dass eine Arbeit in zwei Tagen fertig ist, eine andere wiederum nach Jahren noch einmal bearbeitet und verändert wird. Dies geschieht immer dann, wenn im Bild „etwas nicht stimmt“, wie Dagmar Hiltenkamp durchaus nicht selten zu sagen pflegt, immer in kritischer Distanz zu ihren Bildern und sich selbst.

Die ehemalige Studentin der renommierten Düsseldorfer Akademie und einstige Schülerin von Professor Gerhard Richter gestaltet im Medium der Malerei Landschaften, die sich durch eine Komplexität und Dichte in den Farbwirkungen auszeichnen, die aus intensiver Auseinandersetzung resultieren.. Keine realen Landschaften schafft die Künstlerin, sondern eine Malerei, die ausgehend von Landschaft und Natur zu Experimenten mit Farbe und ihren Wirkungen führt. In vielen Schichten über- und ineinander gesetzt entstehen ihre abstrahierten Landschaftsbilder, die zwischen nuancenreicher Monochromie und explosiven Farbwelten changieren.

Zwei Werkgruppen in ihrem Oeuvre werden im Folgenden angesprochen: die Gruppe der Gräserbilder sowie die monochromen Himmelslandschaften mit schmalem Horizontstreifen. Bei den Gräserbildern ist die direkte Auseinandersetzung mit den Elementen der Natur am deutlichsten ausgeprägt. Dagmar Hiltenkamp liebt die Nordsee und Spaziergänge durch Dünenlandschaften. Diese tatsächlichen, sich im Leben der Künstlerin ereignenden und Erinnerung hinterlassenden Momente finden durchaus Eingang in ihre Bildwelten. Bisweilen nimmt sie Fundstücke mit – Gräser, Blätter, Geäst -, die ihr – ebenso wie dies einst auch für Gerhard Richter galt – Anregung für die künstlerische Umsetzung, für die Schaffung von Wirklichkeit im Bild geben. Nah an den Betrachter heran gerückt wogen die Dünengräser im Wind, ganz unmittelbar in Augenhöhe; so als würde sich der Betrachter inmitten der Graslandschaft befinden. Dieser zunächst scheinenden Nähe, die durch die verfremdende Größe der Gräser im Bild gegeben ist, widerspricht die Malweise, die irritiert. Denn nicht realistisch, nicht naturalistisch sind die Grasdünen gemalt, sondern stilisiert, abstrahiert. Auf diese Weise erscheinen die Gräser zugleich nah und fern, ein Tatbestand, den nur die Kunstform der Malerei liefern kann, der weder in der Fotografie, noch der sichtbaren Realität vorkommt. Dies gilt auch für die Hintergründe der Gräserbilder. Hier ist durchaus nicht immer ein Himmel dargestellt, wie es der Betrachter vielleicht erwarten würde, sondern oftmals eine blaue oder blau-schwarze Fläche, Malerei eben, reine und fein lasierend aufgetragene Malerei Eine zunehmende Abstraktion kennzeichnet diese Gruppe der Gräserbilder. So ist die Farbwahl nicht notwendig an real Gesehenes gebunden. Hellblau-schwarz können die Gräser ebenso sein oder wie blau-schwarz, in bedrohlicher Präsenz vor rotem Streifen, über dem sich tiefstes Dunkelblau ausbreitet.

Dagmar Hiltenkamp bevorzugt zunehmend die monochrome Malerei. Neben kleinformatigen Ölkreiden stehen hier große Gemälde, die in 12 Schichten verschiedene Töne übereinander legen, die Bildfläche gestalten und komponieren, wie es für diese Werkgruppe charakteristisch ist. Diffizile Mischtöne sind bisweilen auf der Leinwand erkennbar, die sich aus einer Nass-in-nass-Malerei ergeben haben. Auch wenn die Künstlerin eine große Kenntnis der Farben und ihrer Wirkungen besitzt, sind dennoch die Farbtöne nicht im voraus berechenbar; vielmehr erweisen sie sich als Resultat des eigentlichen Malprozesses. Dagmar Hiltenkamp ist sehr vielseitig in der Gestaltung ihrer monochromen Bilder. Nicht nur, dass sie in verschiedenen Tonigkeiten experimentiert und ihre Farbpalette ein breites Spektrum aufweist, auch in der gezielten Farbwirkung existieren deutliche Unterschiede. Diese reichen von den Pastelltönen, die einen großen Tiefensog ausüben bis hin zu den intensiv leuchtenden „Himmelsfarben“, wie die Künstlerin ein 8teiliges, aus schmalen hochformatigen Streifen bestehendes Gemälde betitelt. Allen monochromen Arbeiten gemeinsam ist, dass sie Landschaften assoziieren lassen, Landschaften, die meist einen niedrigen Horizont, einen nur schmalen Landstrich erkennbar werden lassen, über dem sich dann ein weiter Himmel öffnet und unendliche Wolkenschichtungen erkennbar werden. Auch wenn keine realen Landschaften dargestellt sind, noch die Landschaft als eigenes Genre in der Malerei im Vordergrund steht, bleibt dennoch die Möglichkeit bestehen, in den Gemälden bisweilen weite Landschaften, vornehmlich Meereslandschaften, in jedem Falle jedoch innere Landschaften zu sehen. Stets ist die Assoziation von Seelenlandschaften möglich, die sich, menschenleer und nicht begehbar, durch die Farbfilter der Malerei gebrochen, als Reflektionen von realen Landschaften erweisen. So ist für Dagmar Hiltenkamp die Natur der Ausgangspunkt ihrer Malerei, die sie jedoch niemals abbildet, sondern zu Farblandschaften umgestaltet.

Dr. Dagmar Preising, Kunsthistorikerin
Suermondt-Ludwig-Museum Aachen

November 2008